DAS FIASKO DER HOTELROBOTER

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit das Thema Roboter erstmals herumgeisterte. Diese seelenlosen, menschenähnlichen Alleskönner würden uns schon bald die Arbeit rauben und uns eines nicht allzu fernen Tages gänzlich überflüssig machen, behaupteten aufgeregte Zukunftsforscher und Hellseher. Die apokalyptischen Schreckensszenarien, die ganze Zeitungsseiten füllten und tiefe Besorgnis hervorriefen, traten nicht ein. Irgendwann in den Siebzigern kamen zwar die ersten brauchbaren Industrieroboter, die dem Menschen häufig wiederkehrende mechanische Arbeiten abnahmen und vornehmlich im Automobilbau Verwendung fanden. Viel mehr kam nicht.

 

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Was schon gar nicht kam, war das gespenstische Konstrukt, das unsere Existenz bedrohen sollte. Die Alarmisten von damals verstummten denn auch so rasch wie später die Erfinder des Waldsterbens. Ins Blickfeld rückte anderes. Virtuelle Gesprächspartner etwa, die im Smartphone wohnen, mit uns kommunizieren – und bei den ersten Schwierigkeiten schlapp machen. Oder künstliche Intelligenzen, die uns rund um die Uhr sagen, was wir tun oder lassen sollen und mit denen wir uns sogar unterhalten können. Und die für uns Auto fahren möchten, obwohl Studien besagen, dass über neunzig Prozent der Autobesitzer lieber selbst am Steuer sitzen. Weil sie sich sicherer fühlen und ganz einfach gern fahren. 

 

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Vor vier Jahren aber schien die Stunde der «echten» Roboter doch endlich zu schlagen. Unter weltweitem medialem Getöse wurde im westjapanischen Sasebo das erste Roboterhotel, das Henn-na, eröffnet. 243 Roboter sollten die Menschen ersetzen. An der Rezeption, wo Roboter zwischenzeitlich auch tanzten, wurde der Gast von einem Roboter empfangen und erhielt einen puppenähnlichen Roboter als persönlichen Assistenten zugewiesen. Ein Roboter brachte das Gepäck aufs Zimmer, in der Lobby sass ein Roboter am Klavier und im Aquarium schwammen Roboterfische. Es wimmelte von Robotern – und zahlreichen Überwachungskameras. Dumm nur, dass die Roboter mehr Aufwand verursachten als die Menschen. Und dass sie die Gäste zur Weissglut trieben. Anfang Jahr zog das Management die Reissleine und schmiss laut «Wall Street Journal» den Grossteil der Roboter raus.

 

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Gemäss dem «WSJ»-Bericht benötigte schon der Roboter an der Rezeption regelmässig menschliche Hilfe. Sein als Concierge eingesetzter Roboterkollege war noch krasser überfordert. Er hatte von Flugverbindungen und Touristenattraktionen keinen Schimmer, schwieg genauso konsequent bei der Frage nach dem besten Restaurant und wusste schon gar nicht, wie man dort den besten Tisch erhält. Die Gepäckträger-Roboter erreichten gerade zwei Dutzend der mehr als 100 Hotelzimmer, funktionierten nur auf ebenen Böden und versagten, wenn sie nass wurden. Der als persönlicher Assistent des Gastes eingesetzte Roboter war auch nicht schlauer. Er weckte den Schlafenden mitten in der Nacht auf mit den Worten: «Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden.» Er hatte auf zu lautes Schnarchen reagiert. Auch mit dem Regulieren von Licht und Heizung war der smarte Assistent arg überfordert. Letztlich mussten die Angestellten haufenweise Überstunden leisten, um die von den Robotern verursachte Zusatzarbeit zu erledigen.

 

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Die paar Roboter, die im Hotel Henn-na übrig geblieben sind, haben nicht mehr viel zu tun. Der Pianist etwa sitzt noch an seinem Klavier, haut aber nicht mehr in die Tasten. Ein automatischer Greifarm darf weiterhin die Gepäckstücke der Gäste in Fächern deponieren, ansonsten aber hat wieder der Mensch die Herrschaft übernommen. Man habe gelernt, dass viele Aufgaben nur für Menschen geeignet seien, zog Henn-na-Chef Hideo Sawada nach dem Fiasko mit den Robotern Bilanz. Es gäbe eben Plätze, wo sie nicht gebraucht würden – und Menschen nur nerven. Anders ausgedrückt: Die Hotellerie ist ein People Business und wird es auch bleiben. Um zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis zu gelangen, hätten eigentlich nicht Dutzende von Dollarmillionen verbrannt werden müssen.

 

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Ob Maschinen dem Menschen die Arbeit wegnehmen, wird auch in Zukunft ein Reizthema bleiben. Laut einem Bericht des Weltwirtschafts­forums (WEF) könnten bis 2022 weltweit rund 75 Millionen Arbeitsplätze den Maschinen und Algorithmen zum Opfer fallen. Doch für die Menschheit besteht Hoffnung. Der Studie zufolge sollen in den kommenden fünf Jahren auch 133 Millionen neue Stellen geschaffen werden, die ganz neue Kenntnisse erfordern. Zum Beispiel die Betreuung von Robotern.

 

Karl Wild