IN DER HISTORIE LIEGT DIE MAGIE

Lang ists her, seit wir an Sonntagen in den quietschenden Wagons der Rhätischen Bahn von Chur nach St. Moritz kurvten. Irgendwann stand ich dann als kleiner Knirps zum ersten Mal vor dem berühmten Badrutt’s Palace – und war überwältigt von der Bedeutung des Augenblicks. So sah sie also aus, die Welt der Reichen, Schönen und Berühmten. Zumindestvon aussen. Denn natürlich beobachtete ich das muntere Treiben vor dem Palast aus respektvoller Distanz. Ich war hingerissen von den prächtigen Autos, den schön geschmückten Pferdekutschen und erst recht von den mit schweren Pelzen behangenen Gästen, die es sich leisten konnten, da ein und aus zu gehen. Auch die mit goldenen Borten und Bändern geschmückten Ober-, Unter-, Hilfs- und Nebenportiers, die in Scharen herumschwirrten, beeindruckten mich zutiefst. Ich hielt sie allesamt für Generäle.

 

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Zu jener Zeit, vor vielen Jahren, standich noch öfter vor dem Palace. Die Faszination der ersten Begegnung hatnie nachgelassen. Auch nicht das Kribbeln im Bauch. Spätestens dann, wenndie RhB in Bever Kurs auf St. Moritz nahm, setzte es ein. Und jedes Mal schwor ich mir, dieses Märchenschloss einmal zu betreten. Irgendwann und irgendwie. Ich sei als Kind vom Palace besessen gewesen, habe ich mir später sagen lassen. Geredet hätte ich auf den anschliessenden Wanderungen –die mir ohnehin gestohlen bleiben konnten – so gut wie nichts. Und wenn, dann nur vom Palace. Meine Liebe zu Hotels und ihren Geschichten muss damals geweckt worden sein.

 

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Mein Traum ist dann wahr geworden. Ich durfte sogar oft im Palace sein.Zuletzt vor ein paar Wochen. Und bis heute fasziniert mich dieses Hotelmonument, das dank dem brillanten Hotelier Hans Wiedemann den vorübergehend verlorenen Glanz zurückerhalten hat. Es kribbelt noch immer leicht im Bauch, wenn ich durch diese Halle schlendere, diesen Laufsteg der Welt mit dem wahnwitzigen Stilmix und dem seltsamen Hauch der Verruchtheit. Hier hat Erich MariaRemarque seinen Weltbestseller «L’Arcde Triomphe» zu Ende geschrieben. Hier betörten die schönsten Frauen diemächtigsten Männer. Und an der Barpurzelte Alfred Hitchock zur Geisterstunde mitunter stockbesoffen vom Hocker.

 

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Marlene Dietrich, Audrey Hepburn, der Schah von Persien, die Reeder Ari Onassis und Stavros Niarchos, Maria Callas, Greta Garbo, die Karajans, die Rothschilds, König Hussein von Jordanien, General Montgomery undWinston Churchill zählten wie so viele andere Grössen ihrer Zeit zu den Stammgästen. Und im hoteleigenen King’s Club, der berühmtesten Disco der Alpen, schlug Gunter Sachs,der letzte grosse Playboy, mit seiner Clique in den frühen Morgenstunden regelmässig das gesamte Inventar kurz und klein. Nirgends wurden Leidenschaften und Liebschaften, Hass und Lust, List und Frust so zügellos ausgelebt wie im St. Moritzer Hotelpalast mit seinen Zinnen und Türmen.Nirgends gab es so viele grosse Auftritte und erschütternde Dramen wie im Palace. Abgesehen einmal vom Oriental Bangkok und dem Peninsula Hongkong. Diese drei spielen, zusammen mit vielleicht zwei Dutzend weiteren Hotellegenden, weltweit noch heute in einer eigenen Liga. Und sie sind erfolgreicher als fast alle andern. Mit dem Erfolg ist es so eine Sache. Sucht man im Internet nach erfolgversprechenden Konzepten für die Branche oder gar nach dem Hotel der Zukunft, wird man vom einzigartigen Geschwätz von Beratern, Konsulenten, Studienverfassern, Sehern, Erleuchteten, Wissenden und Weisenförmlich überfahren. Die Beliebigkeit ist erschreckend. Den Vogel abgeschossen hat jüngst ein «Consultant» in einer grossen Tageszeitung. Am Ende seines Geschwurbels gelangte er zurbahnbrechenden Erkenntnis, es reiche heute nicht mehr, dem Gast «nur ein Bett zum Übernachten» anzubieten. Als hätte César Ritz das nicht schon vor 125 Jahren gemerkt. 

 

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Die eine Hälfte der superschlauen Gurus setzt auf totale Digitalisierung undglaubt allen Ernstes, ein Zimmer würde allein schon deshalb gebucht, weil es einen automatischen Check-In gibt.Und als freue sich jeder Gast auf einen Serviceroboter, der ihn wiedererkennt und mit hohler Stimme begrüsst. Die andere Hälfte ist vom Gegenteil überzeugt. Je digitaler sich dieWelt präsentiere, desto wichtiger seien echte Erlebnisse im Hotel. Auf den «Erlebniswert» setzte César Ritz übrigens ebenfalls schon vor 125 Jahren. Fest steht, dass es derzeit keinen klaren Trend gibt. Oder dass beides im richtigen Hotel am richtigen Ort das Richtige sein kann.

 

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Reto Wittwer war zwanzig Jahre lang höchst erfolgreicher Chef von Kempinski. Mit seiner Firma Smart Hospitality Solutions ist er jetzt wieder voll im Geschäft. Dass Dinge wie Technik, Architektur und Design wichtig und einem steten Wandel unterworfen sind, war für ihn immer selbstverständlich. In seinen bereits wieder rund zwei Dutzend Häusern setzt er auf etwas anderes: die totale Gastfreundschaft und Dienstleistungsbereitschaft. Rund um die Uhr und ohneEinschränkungen. Auch der klassische Concierge soll als omnipräsenter Ratgeber und Ansprechpartner aufgewertet werden. Nicht bloss in den Luxushäusern, sondern auch in jenen Hotels, mit denen er ein trendiges, modernes und junges Publikum ansprechen möchte. Wittwer ist überzeugt, dass die traditionellen Werte von heute auch in Zukunft den Erfolg ausmachen. Weil wunderbare Hotels immer gefragt sind.

 

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Für wunderbare Hotels, die auch nocheine grosse Geschichte haben, gilt das erst recht. Und davon hat die Schweiz mehr als jedes vergleichbare Land. Das ist ein unschlagbarer Trumpf. Denn in der Historie liegt die Magie, die von einem Hotel ausgeht. Heute wie damals. Bei meinem jüngsten Besuch im Badrutt’s Palace warf ich einen Blick auf meinen Beobachtungsposten von einst. Dort standen zwei Knirpse. Verzückt. Mit grossen, glänzenden Augen. Sechs Jahrzehnte nach mir.

 

 

Karl Wild

 

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