ALLES SPRICHT FÜR FERIEN IN DER SCHWEIZ

1940, im zweiten Kriegsjahr, stand der Schweizer Tourismus vor dem Abgrund. Ausländische Gäste blieben weg, die Hotels waren leer, die Bahnen grösstenteils stillgelegt, die Stimmung war am Boden. Für die vom Krieg verschonten Schweizer gehörten Ferien zwar zu den wenigen Möglichkeiten, Geld auszugeben, doch irgendwie schien das sorgenfreie Ausspannen nicht so recht in die bedrohliche Zeit zu passen. Dann, im Frühsommer 1940, richtete sich Bundesrat Enrico Celio mit dem flammenden Appell an die Nation: «Macht Ferien! Schafft Arbeit!» Wer sich Ferien gönnt, so die Message des Verkehrsministers, hole sich Kraft für den Durchhaltekampf. Und vor allem helfe er dem darniederliegenden Tourismus und damit dem Land. Der Aufruf zeigte Wirkung. Im ersten Jahr wurde noch gezögert, aber schon 1941 sorgten Schweizerinnen und Schweizer für einen Reiseboom im eigenen Land, der die kühnsten Erwartungen übertraf. Erst 1948 verflachte die Kurve. Reisen ins Ausland wurden wieder möglich, grosse Reiseveranstalter lockten erstmals mit sagenhaft günstigen Pauschalreisen, der Massentourismus kam auf. Das Reiseverhalten veränderte sich grundlegend.

 

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80 Jahre nach Enrico Celio und mit dem Coronavirus im Nacken rufen Bundesrätinnen und Bundesräte wieder zu Ferien in der Schweiz auf. Und das tatsächlich fast so feurig wie einst der temperamentvolle Tessiner. Schon in den vergangenen Jahren lagen Ferien im eigenen Land im Trend. In der Ferienhotellerie wurden zuletzt wieder rund 45 Prozent der Übernachtungen von Schweizern generiert. Jetzt deutet manches darauf hin, dass sich diese Entwicklung beschleunigt. Das liegt einerseits an den aktuellen Unsicherheiten im Hinblick auf Ferien im Ausland, an- derseits liegt es an der Schweizer Hotellerie selbst. Als einer, der seit einem Vierteljahrhundert berufsmässig Hotels in aller Welt besucht, weiss ich: Im Luxussegment ist die Schweiz weltweit führend, aber auch in den andern Kategorien wurden in den vergangenen zehn Jahren enorme Fortschritte gemacht. Über alles gesehen ist die Schweizer Ferienhotellerie in den Bereichen Leistung, Qualität, Kompetenz und Engagement den direkten Konkurrenten in Österreich, Süddeutschland und Südtirol seit ein paar Jahren um etliche Nasenlängen voraus. Fakt ist zudem, dass die Schweiz auch im Service die bestausgebildeten Leute hat, sowohl fachlich wie auch mit Blick auf die Mehrsprachigkeit. Wer das bezwei- felt, hat schon lange keine Ferien mehr im eigenen Land verbracht. 

 

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Ein anderer unschlagbarer Trumpf der Schweizer Hotellerie ist die Einzigartigkeit unzähliger Häuser. Nirgends gibt es derart atemberaubend schöne Alpenpaläste mit faszinierender Geschichte wie im Engadin, im Wallis oder im Berner Oberland. Nirgends gibt es so viele unnachahmliche Bijoux wie die Riffelalp in Zermatt, das Maiensässhotel Guarda Val in Lenzerheide, die Chesa Randolina in Sils Baselgia oder das Art Hotel Riposo in Ascona, um nur ein paar wenige zu nennen. Auch in der Kategorie der Swiss Lodges gibt es mittlerweile spannende Objekte zuhauf. Und was die Preise angeht, besteht erst recht kein Grund mehr, ins nahe Ausland zu fahren. Die Konkurrenz ist teurer geworden, die Schweiz günstiger. Noch nie war hier das Preis-Leistungs-Verhältnis so exzellent wie heute.

 

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Günstiger allerdings geht nicht. Es wäre tödlich für die Branche, wenn sie sich jetzt im Buhlen um neue ein- heimische Gäste eine Preis- und
Rabattschlacht liefern würde. Die Liquidität ist nach Corona fast überall bis aufs Letzte ausgereizt. Und die Kollateralschäden sind so oder so enorm. Erst recht in der Stadthotellerie, die nach dem Wegbrechen des Überseemarktes 80 Prozent der Gäste verloren hat und sich frühestens Mitte 2021 erholen wird. In der Ferienhotellerie werden einheimische Gäste den Ausfall von über 25 Prozent Nächtigungen aus Übersee zwar auch nicht kompensieren können. Aber die Mobilmachung einer touristischen Reservearmee könnte jetzt eine Menge zur Rettung der vielen gefährdeten Häuser beitragen. Gut möglich, dass Schweizerinnen und Schweizer dabei das eigene Land neu oder wieder entdecken – und danach gar wiederkommen. Die helvetische Hotellerie, die sich gerade so bravourös aus der letzten Krise her- ausgekämpft hat, hätte es mehr als verdient.

 

Karl Wild